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Am Ende der Welt

Aktualisiert: 8. Juni 2020

... oder am Anfang? Das hängt wohl von der Perspektive ab. Ungeplant lange verbringen wir in Ushuaia und dem südlichsten Teil Feuerlands. Dies hat zwei Gründe: Es gibt hier unglaublich viel schöne Natur und endlich auch Berge und wir haben spontan eine Cruise in die Antarktis gebucht.


Nach einigen Nächten, die trotz Schlafsack, Daunendecke und Mütze noch ungemütlich frisch waren, gönnen wir uns in Ushuaia ein Bed & Breakfast. Das erste Mal heisst es für uns unsere Sachen aus dem Van zu packen - irgendwie komisch, hat doch mittlerweile alles seinen Platz.


Ushuaia präsentiert sich uns wie erwartet: Sonne und Wolken wechseln sich von Minute zu Minute ab; was bleibt, ist der Wind. Die Stadt ist wie viele hier in Argentinien schachbrettartig aufgebaut. Da sie nicht auf einer geraden Ebene erbaut wurde, führt dies zu zum Teil extrem steilen Strassenabschnitten. Gewachsen ist die Stadt früher vor allem, weil das Presidio, das Gefängnis, erbaut wurde. Noch heute bringt die Schmalspureisenbahn, welche die Sträflinge erbaut haben, Touristen in den Parque Nacional Terra del Fuego. Die Geschichte Ushuaias, des Gefängnisses und einiger Insassen haben wir im Museo Marítimo y del Presidio de Ushuaia kennengelernt, welches in den früheren Gefängniszellen ziemlich unkoordiniert aufgebaut ist.


Wir sind in Usuhuaia - am «fin del mundo»

Am nächsten Tag gehen wir los zum Skigebiet Glaciar Martial etwas oberhalb von Ushuaia. Dem einzigen Sessellift folgend, machen wir uns im Schneesturm auf den Weg. Unterwegs wird der Schnee immer tiefer, so dass bei Damian Zweifel aufkommen, ob diese Wanderung ohne Steigeisen und Seil sicher ist. Das Ziel liegt unterhalb des Gletschers auf knapp 700 Meter über Meer und kurz bevor wir oben sind, lichtet sich die Wolkendecke und gibt den Blick frei auf Ushuaia, den Beagle Kanal und den Cerro Godoy - ein wunderschöner Berg auf der anderen Talseite. Nach dem Abstieg gönnen wir uns im sehr rosaroten Teehaus La Cabaña ein Stück Marquise-Torte (eine Kalorienbombe, die aus Schokoladenkuchen, einer Schicht Dulce de Leche, in diesem Fall einer weiteren Schicht Vanillecreme und zu guter Letzt Meringue besteht).



Damian geniesst die Torta Marquise

Bereits auf der Fahrt an das Ende der Welt haben wir uns aufgrund der beiden Reiseführer und Gesprächen mit anderen Reisenden zum ersten Mal mit der Möglichkeit befasst, in die Antarktis zu fahren. Aufgrund der horrenden Preise haben wir diese Option bis wir in Ushuaia angekommen sind, nicht weiterverfolgt. Einmal hier haben wir uns durch etliche Blogs gelesen und einige Agenturen angeschrieben, die Last Minute Deals anbieten. Da wir auf der Wanderung kein Wi-Fi hatten, entscheiden wir uns spontan bei Freestyle Adventure bei Gabi und Marie vorbeizuschauen. Nach knapp einer Stunde ist es so weit:

Mir gö tatsächlich id Antarktis.

Das Schiff Ocean Endeavour wird am 6. November den Hafen von Ushuaia verlassen. Wir sind zwei von maximal 199 Passagieren an Bord und werden 10 Tage unterwegs sein. Es dauert jeweils zwei Tage um die Drake Passage zu durchqueren, wodurch uns vier ganze Tag in der Antarktis bleiben. Dies wird gleichzeitig unser erstes Kreuzfahrterlebnis sein. Denn das Schiff ist echt luxuriös inkl. Spa, Pool, Sauna, Gym, gutem Essen und Service.

Und wenn ihr euch jetzt fragt, wie teuer das Ganze ist, lasst es uns so sagen: In der Schweiz könnte man damit locker einen Occasionwagen kaufen. Wir haben unterschrieben, nicht darüber zu sprechen, wie viel wir bezahlen. Dies gilt vor allem für die Zeit an Bord, da die meisten Passagiere mindestens doppelt so viel ausgegeben haben wie wir.


Im Office von Freestyle Adventure sind wir auf Ed gestossen - der deutschsprechende Engländer mit einem «quintessential accent», wie er selber sagt. Er wird mit uns auf die Cruise gehen und hat daher auch noch über eine Woche Zeit bis zum Boarding. Wir laden ihn ein, am nächsten Tag mit uns in den Nationalpark zu fahren und bieten ihm für die Nächte unser Zelt an.


Am nächsten Tag geht es bei schönstem Wetter los Richtung Nationalpark. Dieser ist nur ca. 20 Kilometer ausserhalb von Ushuaia und gut über angenehme Schotterpisten zu erreichen. Beim berühmten Post Office am Ende der Welt verschicken wir eine Karte und wandern darauf auf dem Senda Costera an der Küste des Beagle Kanals entlang. Wir treffen auf (nicht wilde) Pferde, Enten, Gänse, Vögel und wenige Leute. Bevor wir umkehren, essen wir etwas Kleines. Dies ganz zur Freude eines frechen Chimango Caracara. Am Abend bleiben wir gefühlt als einzige Personen im Nationalpark zurück, während die meisten Touristen mit ihren Bussen wieder nach Ushuaia zurückkehren.



Nach einer stürmischen Nacht machen wir uns nach dem Frühstück auf zu den anderen Sehenswürdigkeiten im Park. Damian ist mittlerweile mit seinem Mate-Becher und der Thermosflasche auf den kurzen Pfaden des Parks unterwegs wie ein richtiger Argentinier. Mir und Ed schmecken die von Damian aufgebrauten Kräuter noch nicht sonderlich, aber die Technik wird von Mal zu Mal besser.

Im Westen des Parks befinden sich bei der Lapataia Bucht einige kurze Wege, die sogar rollstuhlgängig sind und die Tourenbusse bis vor den Eingang fahren können. Dementsprechend viele Leute hat es hier und da auch das Wetter an diesem Tag nicht sonderlich glänzt, wirkt die Bucht ein wenig trist und wir steuern das Kaffee im Besucherzentrum an.


Damian und Ed an der Laguna Negra

Damian fällt bereits auf dem Parkplatz ein Van mit gefälschter Aargauer-Nummer auf. Im Restaurant spricht er dann zwei junge Personen an, die in seinen Augen Schweizer sein könnten. Und so treffen wir David und Alexandra aus Baden, die während einem Jahr nordwärts unterwegs sind. Wir dürfen einen kurzen Blick in ihren Van werfen und verabschieden uns mit der Gewissheit, dass wir uns irgendwo nördlich von Ushuaia wieder treffen werden.


Alle haben uns vom Guanaco Trail vorgeschwärmt, dieser ist leider geschlossen - wir gehen davon aus, dass noch zu viel Schnee liegt. Als Alternative nehmen wir den Hito XXIV in Angriff. Auf dem Weg treffen wir drei weitere Schweizer an - was für ein Zufall. Nach knapp eineinhalb Stunden stehen wir an der Grenze zu Chile, welche mit einem Verbotsschild markiert ist. Diese Nacht finden wir für Eds Zelt und unseren Van einen windstilleren Ort am Rio Pipo und geniessen die ruhige Nacht.


Auch das Kaffeekochen in der Früh ist an diesem Ort ist um einiges angenehmer und wir fahren gestärkt zurück in die Stadt. Das Ziel ist, Wi-Fi zu finden, weil Ed wissen muss, ob seine Bezahlung geklappt hat und wir eine Unterkunft suchen wollen. Wir finden auf AirBnB die wohl günstigste Unterkunft Ushuaias bei einer sehr netten Familie, die vier Zimmer vermietet, zwei Katzen und einen Hund hat. Die Unterkunft ist einfach, aber es reicht vollkommen aus. Auf dem Schiff werden wir ja dann genug Luxus haben.


Am nächsten Tag machen wir uns aufgrund der für diesen Tag noch guten Wetterprognose auf zum Cerro del Medio. Marie von der Agentur hat uns diese empfohlen und Lars und Kevin waren am Vortag bei der Laguna Esmeralda - die Wanderung die hier jeder macht und fanden es nicht so toll, weswegen die Entscheidung für uns gefallen war. Bei bestem Wetter steigen wir Meter um Meter auf - zuerst durch dichten Wald, dann kommen die ersten Schneefelder in Sicht. Die Wanderung ist unglaublich schön und der Blick, als wir oben ankommen, verschlägt uns die Sprache: ein wunderbarer Ausblick über Ushuaia und den Beagle Kanal. Auch der Cerro Godoy ist wieder zu sehen. Seine Rückseite mag optisch aber nicht ganz so zu überzeugen wie die Frontansicht. Den Tag lassen wir bei Bier und Pizza in einem Pub ausklingen. Pizza ist neben Pasta und Milanese (panierte Plätzchen) übrigens ein Gericht, dass hier praktisch jedes Restaurant anbietet.


Langsam wissen wir, welche Dinge wir im Bus noch gut gebrauchen könnten. Da der Samstag wie angesagt ziemlich verregnet ist, verbringen wir ihn mit Einkaufen und durch die Stadt schlendern. Wir sind auf der Suche nach Druckknöpfen um die Klettverschlüsse bei den Vorhängen zu ersetzen. Leider kriegt man die hier in keinem Supermarkt und muss in Sederias vorbeischauen, die am Samstagnachmittag geschlossen sind. Am Abend treffen wir Ed und Lars im Pub auf ein paar Bier. Es ist ein lustiger Abend, aber diesmal spüre ich, warum die Argentinier den Fernet nicht als Shot, sondern mit Cola trinken... den Sonntag verbringen wir somit im Bett.


Die nächsten Tage nutzen wir um uns auf die Cruise vorzubereiten - waschen, ein- und umpacken steht auf dem Programm. Auf der Strasse von Ushuaia können wir zudem unsere beiden argentinischen Mitbewohner beim Tango tanzen beobachten und die Galería Temática, ein weiteres Museum in Ushuaia, besuchen.


Unsere zwei argentinischen Mitbewohner beim Tango tanzen in den Strassen Ushuaias

Nun sind wir bereit für die Cruise, welche bald startet. Wir sind sehr gespannt und freuen uns extrem, diesen speziellen Teil der Welt mit eigenen Augen sehen zu dürfen. In der Antarktis gibt es kein Wi-Fi und wir werden offline sein - falls es euch interessiert, wo das Schiff mit uns an Bord gerade ist, hier findet ihr einen Tracker.

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