• worldever

Antarktis

Aktualisiert: 8. Juni 2020

Sprachlos lässt uns die Antarktis nach zehn Tagen zurück. Trotzdem versuchen wir hier unsere Erlebnisse zu dokumentieren.


Durch den «Pizza & Beer»-Event von unserer Agentur erkennen wir am Nachmittag vor dem Pier bereits einige bekannte Gesichter, die mit uns in die Busse verladen werden. Mit den anderen Gästen erklimmen wir die steile Leiter zum Deck sechs, wo wir vom Expeditions-Team und der Ocean Endeavour-Crew herzlich in Empfang genommen werden. Ein Mitarbeiter führt uns in unsere Kabine - und wir sind froh, denn diese hätte wir alleine sicherlich nie gefunden.

Unsere Kabine auf Deck vier besteht aus einem Kajütenbett, einem kleinen Bad mit Dusche, einem Schrank und einigen Schubladen, alle mit Haken gesichert. Das Zimmer ist sehr dunkel, da die Luke fest verriegelt ist. Wir schaffen es kaum unsere Rucksäcke auszupacken, da ertönt bereits die erste Ansage aus allen Lautsprechern an Bord. Sicherheit geht vor und wir machen uns auf in die Nautilus Lounge zum obligatorischen «Safety Drill». Und dann heisst es Anker lichten und los geht es durch den Beagle Kanal in Richtung offenes Meer. Die ersten Seemeilen durch den Kanal sind sehr ruhig. Nachdem wir unsere gelbe Parka-Jacke bezogen, die Winterstiefel anprobiert und alle unsere mitgebrachten Kleider auf organische Verschmutzung untersucht haben, geniessen wir das Essen und die warme Dusche.


In der Nacht erwachen wir durch das zum Teil ziemlich krasse Schaukeln - wir haben den Kanal verlassen und befinden uns nun auf der Drake Passage. Wir sind froh, dem Rat des Schiffsdoktor gefolgt zu sein und die Medikamente gegen Seekrankheit noch vor dem Schlafengehen eingenommen zu haben. Denn diese seien gut in der Vorbeugung von Seekrankheit, aber nicht ganz so toll bei deren Bekämpfung. Die nächsten zwei Tage verbringen wir auf der Drake und trotzdem wird uns nicht langweilig. Nach dem Morgenessen stehen Vorträge von verschiedenen Mitgliedern des Expeditionsteams an und wir lernen beispielsweise etwas über die IAATO und die Geschichte der Antarktis, warum Pinguine zu den Vögeln gehören und was der Unterschied zwischen den grossen Eisbergen und den flachen Eisschollen ist. Es hat einige renommierte Wissenschaftler dabei, die in ihrem Feld Bücher veröffentlicht haben und grundsätzlich sind alle Biografien des Teams sehr spannend zu lesen.


Steht einmal kein Vortrag oder Essen an, lesen wir, spielen ein Spiel, trinken Tee, schlafen, schauen aus dem Fenster oder besuchen das kleine Gym oder die Yoga-Stunde (bei dem Wellengang ist die eine oder andere Pose noch einen Ticken schwieriger).


Jeden Abend wird das Programm des nächsten Tages angeschlagen und jeden Morgen begrüsst uns Laurie, die Expeditionsleiterin, mit dem Wetter-Update und dem Programm des anstehenden Tages, welches sehr oft nicht mit dem am Vortag angekündeten übereinstimmt. Wind, Wetter und Eismassen beeinflussen die Pläne stark. Nach einem ganzen Tag auf offener See, steht am zweiten Nachmittag bereits unsere erste «Landing» auf den South Shetland Islands an.

An Bord der Ocean Endeavour

Zum ersten Mal ziehen wir unsere Thermounterwäsche und alle Socken die wir dabei haben an und machen uns auf in den «Mud Room». Hier werden alle Parkas, Stiefel und ein PTA («personal floating device» aka Schwimmweste) aufbewahrt. Damit nicht alle 199 Passagiere gleichzeitig in den Raum stürmen, wurden wir am Vorabend in vier Gruppen unterteilt. Heute sind wir die ersten und sitzen schon bald mit acht weiteren Personen in einem «Zodiac». Liz fährt uns zur Anlegestelle auf der Insel und wir werden von ganz vielen Pinguinen und deren Geschmack empfangen.

Auf der Insel, welche zum Teil bereits schneefrei ist, machen sich hunderte Gentoo- und Chinstrap-Pinguine zum Nisten bereit. Auf Deutsch nennt man die beiden Arten Esel- und Zügelpinguin. Wir werden alle noch einmal darauf aufmerksam gemacht, mindestens fünf Meter Abstand von den Tieren zu halten und ihnen immer den Vortritt zu lassen.

Chinstrap Pinguin auf den South Shetland Islands

Es ist sehr spannend zu sehen, wie die Pinguine Kieselsteine für den Bau ihrer Nester zusammentragen und einander diese auch immer wieder stehlen. Diese Vergehen lösen jeweils ein lautes Geschnatter und manchmal eine Verfolgungsjagd aus. Nach etwas mehr als einer Stunde werden wir von einem Expeditionsteam-Mitglied und einem Zodiac für eine Cruise abgeholt. Wir gleiten vorbei an grossen und kleinen Eisbergen und staunen über die vielen verschiedenen blauen Farbtöne.

Sobald alle wieder zurück an Bord sind, setzen wir unsere Reise Richtung antarktische Halbinsel fort und am nächsten Morgen steht eine Cruise bei den Melchior Islands an. Hier ist wegen dem Eis, welches zu Sommeranfang noch in rauen Mengen auf dem Wasser schwimmt, keine Landung möglich. Wir sehen vom Schlauchboot aus die argentinische Station und Pinguine vorbei schwimmen. Es ist eindrücklich zu sehen, wie schnell und wendig die Pinguine im Wasser sind. Vor allem da sie an Land doch eher unkoordiniert herumwatscheln und immer mal wieder auf dem Bauch landen. Wasser ist halt ihr Element und es macht Sinn, warum die ersten Entdecker in der Antarktis dachten, dass Pinguine in die Familie der Fische gehören. Vögel sind sie übrigens, weil sie Federn besitzen.

Unterwegs auf einem Zodiac
Sonniger erster Tag im ewigen Eis
Die argentinische Forschungsstation auf der Melchior Insel
Eisberge

Am Nachmittag ist geplant, auf Cuverville Island zu landen. Beim Mittagessen sehen wir Wolken aufziehen und packen daher noch eine Schicht Kleidung mehr drauf. Bei der Cruise fahren wir an massiven Eisbergen und Eisschollen vorbei. Eisberge entstehen, wenn Gletscher kalben und grosse Eisblöcke ins Meer fallen. Eisschollen hingegen sind flach und Reste des Packeises, welches in den Wintermonaten den antarktischen Kontinent um einen Drittel vergrössert. Die blauen bis türkisen Töne der Eisberge kommen vor dem grauen Himmel noch stärker zum Vorschein als bei Sonnenschein.

Auf Cuverville Island können wir wiederum hunderte Pinguine beobachten. Auch hier warten Gentoo- und Chinstrap-Pinguine auf wärmeres Wetter. Um sich vor Feinden und Schmelzwasser zu schützen, suchen sich die Tiere ihren Nistplatz meist auf den höchsten Erhebungen der Inseln aus. Dies hat jedoch zur Folge, dass sie lange Wege auf sich nehmen müssen um ins Meer zu gelangen um zu fressen. Die Pinguine bewegen sich dabei auf Penguin Highways, die den beschwerlichen Weg den Berg rauf ein bisschen einfacher gestalten. Die Highways, die sie immer und immer wieder benützen sind gut zu sehen und es ist faszinierend, wie trittsicher die Vögel auch sehr steile Passagen mühelos runterwatscheln. Und fällt der eine oder andere Mal auf den Bauch, wird einfach wieder aufgestanden oder auch eine kurze Pause eingelegt.

Pinguinkolonie auf Cuverville Island
Rutschbahnen?

Am nächsten Tag steht Neko Harbour auf dem Programm. Es schneit ununterbrochen. Die riesigen Flocken machen die Antarktis zu einem noch mystischeren Ort. Und an Land scheinen die Pinguine sich ab dem Wetter nicht zu stören. Obwohl dies für sie ja bedeutet, dass ihr Brutgelegenheit weiter nach hinten geschoben wird. Einzig die riesigen Gletscherfronten und Berge des Festlandes werden durch die dichten Wolken verdeckt und wir können deren Ausmass nur erahnen. Als wir am Ufer zurück auf die Schlauchboote aufgeteilt werden, spielen drei Seehunde im Wasser und begutachten die Schlauchboote neugierig.

Neko Harbour im Nebel
Neko Harbour
Eingeschneites Zodiac
Postkartenidylle trotz schlechter Sicht
Pinguine auf einem Eisberg

Am Nachmittag liegt wetterbedingt keine Exkursion mehr drin. Der Wind hat das Packeis in den Eingang unseres nächsten Ziels getrieben.

Am nächsten Morgen erkunden wir den Errera Channel und Danco Island. Der italienische Guide Stefano erblickt drei Robben, welche sich an Land ausruhen. Er lässt uns an Land gehen und wir haben die Möglichkeit, die zwei Crabeater- und eine Weddell-Robbe von Nahem zu beobachten (natürlich mit dem von IAATO vorgegebenen Abstand, so dass wir die Tiere nicht stören). Als wir alle unsere Fotos machen, beobachten sie uns belustigt. Auf der Fahrt durch das viele und sehr schnell fliessende Packeis sehen wir den ersten und einzigen Adeliepinguin, welcher ganz alleine auf einem kleinen Eisberg steht.

Die zweite Landung führt uns auf die nahe gelegene Useful Island. Auch diese Insel beheimatet viele Pinguine. Es windet sehr stark und ist kalt. Auf der Rückfahrt mit dem Zodiac werden wir von einigen Wellen getroffen und sind froh, uns mit warmer Schokolade und im geheizten Pool auf dem Aussendeck aufwärmen zu können.

Einsamer Adeliepinguin
Foto mit Crabeater- und Weddell-Robben
Useful Island

Bei der Exkursion am nächsten Morgen stehen für einmal keine Pinguine im Vordergrund, sondern ein gesunkenes Schiff. Das Wrack des Walfang- und verarbeitungsschiffes liegt seit 1915 in Foyn Harbour. Neben dem Schiff können wir viele Seevögel beobachten. Besonders schön sind die ganz weissen Snow Petrels (Schneesturmvogel).

Wrack der Guvernøren
Eingeschneit in Foyn Harbour

Nach der Rückkehr steht der Polar Plunge an. Mit 86 anderen Passagieren in Badehose und -mantel reihen wir uns auf um in das ein Grad kalte Wasser zu springen.

Ja, o dr Damian steit i dr Reihe

Nachdem sie uns bei eiskalten Temperaturen einen nassen Gurt um den Bauch legen, springen wir einer nach dem anderen rein. Und es ist a...kalt. Sehr schnell suchen wir beide die rettende Leiter und klettern zurück auf die Ocean Endeavour. An Bord wartet ein Crew-Mitglied mit einem Wodka-Shot auf uns, den wir dankbar annehmen bevor wir uns ins warme Wasser des Pools stürzen. Nach 15 Minuten sind auch die Füsse wieder warm.

Gemäss dem Expeditionsteam sind selten so viele Passagiere ins kalte Nass gesprungen. Normalerweise dauere der Polar Plunge nur fünf Minuten. Das liegt sehr wahrscheinlich daran, dass wir eine ziemlich junge Gruppe sind. Bereits bei Freestyle Adventure haben sie gesagt, das Durchschnittsalter sei über 60 Jahre. Auf unserem Trip sind es aber maximal 40 Jahre.

Am Nachmittag steht bereits unser letztes Abenteuer an und wir steuern einen letzten Landeplatz auf dem antarktischen Kontinent an. Neben Robben und Pinguinen, sehen wir auch zum letzten Mal gigantische Eisberge und blicken in das glasklare Wasser der südlichsten See.

Und dann heisst es bereits Abschied nehmen und bald darauf befinden wir uns wieder auf offenem Meer Richtung Kap Horn und Ushuaia. Diesmal passierte ein Sturm die Drake Passage kurz zuvor und wir geraten in die letzten Ausläufe davon. Diesmal sind die Wellen bis sechs Meter hoch. Wir können uns nicht vorstellen, wie man die bis zu zehn Meter hohen Wellen überlebt, von denen die Crew erzählt.

Die Reise in die Antarktis war ein einmaliges Erlebnis und ein bisschen wehmütig sind wir, als wir in Ushuaia das Schiff verlassen. Wir haben viele tolle Leute treffen dürfen. Von Pia, die Obwaldnerin die seit 25 Jahren in Neuseeland lebt, über Joe und Niamh aus Irland, die in London leben und ihr eigenes Start-up mit Bambus-Zahnbürsten aufbauen, den Rentnern Jane und John aus Kanada, die schon bald die Schweiz besuchen, bis zum Australier, der den gelben Parka mit nach Hause nimmt, einfach weil es seine erste dicke Jacke ist. Immer wieder setzten wir uns zum Essen zu neuen Leuten, die alle eine spannende Geschichte zu erzählen hatten. Viele erfüllten sich mit der Reise einen lang gehegten Traum. Wir fühlen uns sehr privilegiert und geehrt, durften wir diesen Flecken Erde besuchen, bevor wir es uns überhaupt einmal erträumt haben.

If Antarctica were music it would be Mozart. Art, and it would be Michelangelo. Literature, and it would be Shakespeare. And yet it is something even greater; the only place on earth that is still as it should be. May we never tame it. ― Andrew Denton
167 Ansichten1 Kommentar

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

In Vino Veritas