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Boliviens Südwesten

Aktualisiert: 8. Juni 2020

In Bolivien treffen wir auf weisse Städte, reiche Berge, den wohl grössten Spiegel der Welt, feierlustige Karnevalsgänger und lernen gleichzeitig Spanisch.


An der Grenze finden wir uns kaum zurecht und sind auch nach dem Nachfragen nicht ganz sicher, ob wir in der richtigen Reihe stehen. Als der bolivianische Zollbeamte fragt, wie viel Geld wir denn mit uns haben, wissen wir schon was kommt. Haben wir doch oft gelesen, dass nach einem kleinen Einreisegeld (als Bestechung) gefragt wird. Auf unsere Nachfrage, warum er dies genau wissen müsse, stempelt er uns auf jeden Fall ohne Probleme ein. Für Freddy läuft das leider weniger reibungslos. Zuerst meint die Dame, dass wir nicht die richtigen Papiere hätten. Laura geht mit der Beamtin den gesamten Poder durch und dann soll es plötzlich doch gehen. Es benötigt aber noch einen Schritt, denn wir müssen unsere von Hand ausgefüllten Papiere gegen eine Gebühr in einem Container im System erfassen lassen. Da es da durchaus auch Bolivianer und Chilenen gibt, denen dasselbe blüht, sind wir ein wenig beruhigt. Danach stellen wir uns beim Häuschen wieder an und nach über drei Stunden dürfen wir alle drei nach Bolivien einreisen - halleluja.


Durch wunderschöne Bergketten und kleine Dörfer fahren wir Richtung Sucre. Das Dorf kann übrigens noch so klein sein, es hat mindestens einen gedeckten Basketballplatz sowie ein Fussballfeld, nicht selten sogar mit Kunstrasen. Und wir fahren an unzähligen Propaganda-Malereien auf Steinen und Mauern für Evo Morales und seiner Partei Movimiento al Socialismo in blau und weiss vorbei und denken naiv, dass die Menschen auf dem Land wohl ziemlich angetan sind von ihm. Wie wir später herausfinden, gibt die Partei für diese Propaganda unglaublich viel Geld aus.

Strasse während der Regenzeit

In Sucre drücken wir während zwei Wochen jeden Morgen bei Marco die Schulbank und büffeln Spanisch. Um die vierstündige Schulstunde zu unterbrechen, führt er uns jeden Tag in ein neues Kaffee, Restaurant oder auf den Markt um uns die Spezialitäten Boliviens näher zu bringen. So essen wir viele Salteñas (die man auslöffelt und nicht einfach reinbeisst wie in Empanadas und man sagt, wer am Ende das sauberste Teller hat, küsst am besten), Papas Rellenas und Chorizos. An einem Mittag kochen wir gemeinsam mit Marco und seinem Freund Calep ein Menu mit dem Namen Pique a lo Macho. Garantiert kein leichtes Mittagessen, aber umso besser.

Pique a lo Macho mit Calep & Salvietti, dem gelben bolivianischen Rivella
Wunderbares Foto mit unserem Lehrer Marco
Schulpause in einem Kaffee mit Katze

In Bolivien ist Karnevalssaison und wir treffen jeden Nachmittag auf dutzende Feiernde in den Strassen. Karneval wird in Sucre gefeiert in dem kleinere «Guggen» gemeinsam um die Häuser ziehen und dabei IMMER dasselbe Lied spielen. Betrinken tun sich die Musizierenden sowie alle anderen mit Leche de Tigre, der speziell für diese Zeit hergestellt wird und ein bisschen wie ganz dünner Eierlikör schmeckt. Man bewirft sich mit Wasser gefüllten Ballonen oder wirft das Wasser auch schon mal kübelweise von Balkonen auf darunter Durchgehende (es ist oft nicht mehr als 15 Grad) und besprüht alles Zwei- oder Vierbeinige mit einem weissen Schaum (der wenigstens ziemlich gut riecht). Klingt nach Spass, oder? So nach zwei Tagen und Nächten hätten wir es gesehen, aber was soll's.

Rache ist süss
Rache ist süss

Nicki & Laura werden am Comadre mit Leche de Tigre «verwöhnt»

Wir treffen hier wieder auf Nicki und Peter, die über die Salar de Uyuni von San Pedro de Atacama nach Sucre gelangt sind. Gemeinsam machen wir eine Stadttour, lernen dabei den Eiffelturm von Sucre kennen, schmunzeln ab der Arbeitskleidung der Strassenkehrerinnen und staunen ab der grossen Auswahl auf dem Markt. Am nächsten Tag besuchen wir das Casa de la Libertad, welches eines der wichtigsten Gebäude Boliviens ist. Hier wurde 1825 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet.


La Recoleta...
... & die Aussicht über Sucre

Am Sonntag fahren wir an Nicki und Peters letztem Tag in Sucre nach Tarabuco um den Sonntagsmarkt zu besuchen. Ganze neunzehn Personen sind wir im Colectivo, welches uns in einer Stunde ans Ziel fährt. In Tarabuco treffen wir auf viele farbige Cholitas, die allerhand Dinge verkaufen. Cholitas sind die traditionell gekleideten Frauen in Bolivien mit ihren breiten Röcken und den (zu) kleinen Hüten auf dem Kopf. Und Cholita kann man übrigens nicht einfach werden, man resp. frau muss in eine solche Familie reingeboren werden. Neben uns sind nur einige weitere Touristen vor Ort. Viele Einheimische decken sich hier mit Lebensmitteln, Elektroartikeln und Kleidungsstücken ein.


Bevor es uns von Sucre weiterzieht, besuchen wir noch die Kirche San Felipe Neri, von deren Dach wir einen unglaublichen Blick über die weisse Stadt (übrigens UNESCO Weltkulturerbe) haben. Und auch das Schloss La Glorieta lassen wir uns nicht entgehen.

Aussicht vom Kirchendach San Felipe Neri

Mit Freddy und brandneuen eingebauten Stossdämpfern fahren wir nach der letzten Spanischstunde am Freitagnachmittag nach Potosí, wo wir ihn stehen lassen und mit dem öffentlichen Bus nach Uyuni weiterziehen. Da wir spät abends in Uyuni eintreffen, zeigt sich uns das wahre Gesicht dieser Stadt erst am Morgen.

Das isch gloub dr uncharmantischt Ort wo mir beidi je gseh hei - stoubig, dräckig, eifach nüt schöns.

Wir entscheiden uns für eine Tagestour in die grösste Salzwüste der Erde. Mit allen anderen Tour-Gruppen (es sind mindestens 50) fahren wir um 10:30 Uhr in Uyuni los. Ein normaler Jeep ist gefüllt mit einem Fahrer, der gleichzeitig auch als Koch und Guide fungiert, sowie sechs bis sieben Touristen. Erster Stopp ist der Zugfriedhof. Uns trifft beinahe der Schlag ab all den Instagram-Sternchen in ihren roten und weissen Kleidern und den männlichen Pendants in Tank Top und mit Bandana im Haar. Froh sind wir als es weiter geht, aber der nächste Stopp - ein Markt - ist auch wieder einer für alle und das kleine Dörfchen wird mit hunderten Touristen geflutet.


Endlich geht es danach in die Salzwüste und wir fahren die Ojos de Salar an, welchen heilende Kräfte zugeschrieben werden. Und bereits ist es schon Zeit für das Mittagessen. Unser bisher wenig motivierter Fahrer Omar zaubert ein wunderbares Menu aus Quinoa, Gemüse und Fleisch aus dem Kofferraum, welches wir mitten in der Salar einnehmen. Nach der Stärkung fährt er uns zum ersten Salzhotel mitten in der Wüste, welches aufgrund von zu hoher Kontamination geschlossen werden musste. Neben dem verlassenen Gebäude befindet sich ein Dakar-Rallye-Monument, selbstverständlich zu 100% aus Salz, und auf der Isla de Banderas finden wir auch eine Schweizer Fahne.

Isla de Banderas

Nach den obligaten Perspektivenfotos (Damian hat doch tatsächlich zum ersten Mal in seinem Leben ein «Gumpi»-Föteli gemacht) steuert Omar den Teil der Salar an, auf dem sich während der Regenzeit Wasser angesammelt hat. Genau da wollten wir hin. Die Spiegelung ist unglaublich und wir kriegen gar nicht genug vom wunderschönen Ausblick. Zwei aus unserem Jeep haben vor zehn Tagen geheiratet und nutzen die Gelegenheit für ein Shooting in Hochzeitskleid und Anzug. Eine nicht schlecht Variante des «trash your wedding dress». Beim Beobachten der sich ändernden Wolken- und Spiegelbilder vergehen im Nu Stunden ohne dass wir es bemerken. Das i-Tüpfelchen ist ein zweifacher Sonnenuntergang in den schönsten Farben. Als Omar mit «vamos» andeutet, dass wir langsam aufbrechen sollten, ist es bereits halb acht Uhr abends und glücklich fahren wir auf holprigen Strassen zurück nach Uyuni.

Trockene Salzfläche

Eine riesen Fläche ist dank der Regenzeit mit einer dünnen Wasserschicht bedeckt...
... & der Spiegeleffekt ist unglaublich.
i-Tüpfelchen: Perfekter Sonnenuntergang & das gleich doppelt
Uns hat es gefallen

Wir verlassen Uyuni am nächsten Morgen wieder in Richtung Potosí. Diese Stadt liegt auf etwa 4000 Meter über Meer, ist wie Sucre UNESCO Weltkulturerbe und bekannt für den Cerro Rico. In der Stadt scheint es, als habe China alle seine Kleinbusse mit Verbrennungsmotoren hierhin verschifft, als diese durch Elektroautos ersetzt wurden. Die älteren Exemplare schicken beim Anfahren in den steilen Gassen regelmässig dunkle Abgaswolken in die Luft oder eben uns direkt ins Gesicht. Diese Tatsache verschlimmert die sowieso schon dünne Luft da oben, was das Umhergehen in Potosí nicht zu einem angenehmen Erlebnis macht.


Der Cerro Rico hat in ganz Bolivien einen enormen Stellenwert und ist sogar auf ihrem Wappen verewigt. Die enormen Edelmetall-Vorkommnisse, vor allem Silber, wurden bereits von den Inkas entdeckt. Aber erst die Spanier leiteten den Abbau-Boom ein und beuteten die Region und ihre Einheimischen während mehrerer Hunderten Jahren aus. Heute wird im Cerro Rico, dem man in Potosí nachsagt er sei löchrig wie ein Schweizer Käse, immer noch täglich Edelmetall abgebaut. Die Kumpel bieten neben ihrer gefährlichen Arbeit auch Touren für Touristen an. Wir entscheiden uns dagegen, wünschen wir uns doch für diese Männer ein anders Leben. Aber in der Stadt ist aufgrund der Höhe kaum Landwirtschaft betreibbar und vielen bleibt nichts anderes übrig*.


Siesta wo auch immer

Wir besuchen im Gegenzug das Casa de la Moneda. Das Museum zeigt in der weltweit ersten Münzprägeanstalt die Geschichte der Silbermünze made in Potosí. Diese wurden als Zahlungsmittel auf der ganzen Welt verwendet und das heutige Dollarzeichen entstammt aus dieser Zeit. Heute wird weder in Potosí noch irgendwo anders in Bolivien mehr Geld hergestellt und sie bestellen ihre Bolivianos unter anderem in Frankreich, und Chile. Wir lernen auch, dass Potosí dabei ist den UNESCO Kulturerbe-Status zu verlieren. Zum einen, weil der Cerro Rico sich immer weiter absenkt, zum anderen, weil die kolonialen Gebäude in der Innenstadt immer öfter durch Neubauten ersetzt werden. Schade.

Nach den eindrücklichen und oft auch traurigen Geschichten machen wir uns wieder mit Freddy vereint auf über das Altiplano in die Stadt mit dem Regierungssitz von Bolivien - La Paz.


* Wen es interessiert, hier ein spannender Beitrag über Betroffene.

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