• worldever

Grossstadt & -Dschungel

Aktualisiert: 8. Juni 2020

In La Paz und El Alto erleben wir Grossstadt par excellence und schweben mit Mi Teleférico über deren Dächer. Eine heisse Auszeit gibt es im Amazonas des Madidi Nationalparks und in der Pampa bei Rurrenabaque. Und plötzlich ist Corona auch hier ein grosses Thema, wir kommen nicht nach Peru rein und stranden für die nächsten Wochen in Bolivien und wissen nun warum eine Apostille zu jedem Poder dazugehört.


La Paz empfängt uns wie erwartet mit einem riesen Verkehrschaos. Dass die Einwohner von El Alto gerade deren Geburtstag auf der Hauptverkehrsachse feiern, macht das ganz noch ein wenig unübersichtlicher. Aber Damian manövriert Freddy wie gewohnt souverän zu unserem Schlafplatz beim höchstgelegenen internationalen Flughafen der Welt. El Alto ist vor La Paz und nach Santa Cruz die zweitgrösste Stadt Boliviens und beherbergt mittlerweile die Armenviertel von La Paz.


Die Stadt verfügt über keine U-Bahn, dafür über zehn verschiedene Seilbahn-Linien (made in Austria mit Schweizer Kabinen). Für Touristen ist es spannend, hoch in den Lüften schwebend, die quirlige Stadt darunter zu beobachten und für die Einheimischen ist es ein oft-genutztes Fortbewegungsmittel. Wenn wir in den Gondeln die Augen schliessen, fühlt es sich beinahe wie in den Schweizer Bergen an. Als wir zum ersten Mal die violette Linie von El Alto nach La Paz runternehmen, staunen wir ab der unglaublichen Grösse dieses Ballungszentrums. Es scheint, als wären ganze Berge mit roten Backsteinhäusern verbaut worden.

El Teleférico und die Sicht auf La Paz
Aussicht geniessen

La Paz ist eng, laut und quirlig. Die indigene Bevölkerung besteht hier nicht mehr aus Quechua, sondern aus Aymara. Mit einer Walking Tour besuchen wir die Märkte und Plätze der Stadt und erfahren etwas über das Gefängnis San Pero, welches mitten in der Stadt liegt. Die Gefängnis-Stadt beherbergt neben den Sträflingen auch ihre Familien und es bilden sich täglich Schlangen von Frauen und Kindern die nach einem Tag auf dem Markt oder in der Schule wieder nach Hause gehen. Es gibt ein (anscheinend) spannendes Buch Marching Powder von einem Touristen, der nach einer Gefängnistour freiwillig beschloss, ein wenig zu bleiben. Die Touren für Touristen existieren aufgrund einiger unschönen Zwischenfälle nicht mehr, aber das «beste Koks Boliviens» soll auch heute noch hinter den Gefängnismauern hergestellt werden.


Da wir Helden unsere Camping-Stühle in Sucre vergessen haben und uns dies erst in La Paz aufgefallen ist, verbringen wir einen halben Tag damit, diese am anderen Ende der Stadt abzuholen. Zwei nette Franzosen, Thibault und Annaëlle, haben diese für uns nach La Paz mitgenommen. Unglaublich, auf wie viele nette Leute man trifft. Einen weiteren Tag verbringen wir damit das Valle de la Luna zu besuchen. Für uns stellt sich die Fahrt mit dem Colectivo durch die etwas reichere Gegend La Paz als um einiges spannender raus als der Park selber. Einen weiteren Stopp legen wir auf einem Friedhof ein, der tausende von Gräber beheimatet, die zum Teil nur über Leitern erreichbar sind.

Friedhofkunst

Und dann geht es vom Grossstadtdschungel in den echten Dschungel. Wir fliegen nach Rurrenabaque. Diese Stadt am Rande des Amazonas liegt auf knapp 300 Metern über Meer und es fühlt sich nach dem Abheben an, als würden wir nur runterfliegen. In Rurre angekommen, schlägt uns eine ungewohnte Hitze und Luftfeuchtigkeit entgegen. Nachdem wir unsere Agentur für den Amazonas gefunden haben, verbringen wir den restlichen Tag wie

toti Flöige

im Hostelzimmer und wagen uns erst nach Sonnenuntergang zum Essen wieder nach draussen.


Am nächsten Morgen um 9:00 treffen wir im Agenturbüro auf Augustín aus Argentinien (den einzigen nicht aus dem Amazonas stammenden Guide) und Emanuele aus Italien, mit denen wir die nächsten Tage verbringen werden. Und schon geht es auf dem Río Beni flussaufwärts in Richtung Madidi Nationalpark. Auf dem Weg halten wir im Dörfchen, aus welchem die Gründer unserer Agentur Mashaquipe stammen. Wir treffen auf einige Dorfbewohner und pressen unseren eigenen Zuckerrohrsaft. Der schmeckt mit Limette übrigens hervorragend.

Zuckerrohrsaft aus Muskelkraft

In der Lodge angekommen, macht sich unsere Gruppe auf in das unendliche Grün des Dschungels. Wir gehen drei Stunden vorbei an extrem hohen Bäumen, stacheligen Sträuchern und vielen Spinnen und Ameisen. Wir erreichen schweissnass unser Camp für die Nacht. Nach einem Kaffee bezwingen wir die paar Höhenmeter zu einer Aussichtsplattform, von wo wir neben der schönen Aussicht auch einige Ara-Pärchen bei ihrem Heimflug beobachten können. Nach dem Nachtessen geht es los auf die erste Nachtwanderung. Im Schein der Taschenlampen sehen wir ausser den noch zahlreicheren Spinnen als tagsüber zwei kleine Fledermäuse-Babys die unter einem Blatt sehr wahrscheinlich auf ihre Mama warten.

Unser erstes Nachtlager
Jungle Views
Nachts im Wald

Nach einer unerwartet erholsamen und mit tiefem Schlaf gesegneten Nacht im Freien, klingelt der Wecker vor Sonnenaufgang und wir gehen hoch zum Ara-Felsen. Da nisten die vielen Paare die es hier gibt und da nicht Brüte-Saison ist, fliegen diese jeweils bei Sonnenaufgang los und kommen erst am Abend zurück. Lange bevor wir sie sehen, hören wir ihr lautes Krächzen. Wieder zurück im Camp gibt es Frühstück und danach geht's wandernd zurück an den Fluss, wo wir auf die vier Engländer treffen, die am Vortag mit uns gestartet sind. Wir wissen nicht genau, ob wir zu spät dran sind. Auf jeden Fall sollten wir ein Floss bauen und mit dem den Fluss zurück in die Lodge raften. Aber die beiden Guides machen alles selber und wir werden in der Zwischenzeit von den vielen Wasserflöhen regelrecht überfallen.

Pause mit Aussicht

Zurück in der Lodge macht der Regenwald seinem Namen zum ersten Mal alle Ehre und es regnet. Wir beziehen unser Doppelzimmer und ruhen uns vor der nächsten Wanderung aus. Bisher haben wir noch nicht wirklich spannende Tiere gesehen und Damian meint bereits zu Augustín, dass dies sicherlich nur Marketing sei und es gar keine Affen gäbe. Auf dem jetzigen Spaziergang durch den Wald haben wir mehr Glück und Augustín erblickt einen Ameisenbären in den Baumwipfeln. Diese leben tatsächlich nicht auf dem Boden, wie wir geglaubt haben.


Am nächsten Morgen bringt uns das Boot zurück nach Rurre, wo wir in ein Auto umsteigen und in die Pampa gefahren werden. Am Río Yacuma angekommen, steigen wir wieder in ein Boot um und entdecken bereits auf dem kurzen Weg zur Ecolodge Tortuga Schildkröten und exotische Vögel. Am Nachmittag steht Schwimmen mit den pinken Flussdelfinen auf dem Programm. Wir sehen schon bald einige graue bis rosa Rückenflossen und spitze Schnäbel aus dem Wasser auftauchen und wagen uns noch nicht recht in den braunen Tümpel. Denn man sieht überhaupt nichts. Rosa sind übrigens nur die ausgewachsenen Tiere. Plötzlich sind wir dann doch alle im Wasser und der Guide Ever meint, dass sie gerne die Füsse berühren. Und es dauert nicht lange und etwas Glitschiges, Hartes berührt uns. Die Delfine sind sehr aufgeweckt, spielen mit dem Ball, berühren immer mal wieder die Füsse von jemandem oder spritzen einige aus Spass an indem sie ihre Flosse aufs Wasser klatschen lassen. Zu schnell sind zwei Stunden um.

Río Yacuma

Am Abend wagen wir uns wiederum aufs Wasser und begegnen dabei Capybaras (liest sich doch schöner als Wasserschweine?), tausenden Leuchtwürmern und Kaimanen. Im Dunkeln geht es unter einem wunderbaren Sternenhimmel zurück in die Lodge. Am nächsten Morgen machen wir uns flussaufwärts auf die Suche nach Totenkopfäffchen und nach ein paar Stunden treffen wir auf die lustigen, süssen Geschöpfe die sich in einer grossen Gruppe am Flussufer in den Bäumen und Sträuchern fortbewegen. Das ist der krönende Abschluss unserer Zeit im Dschungel und wir fliegen noch am Abend zurück ins kalte La Paz.

Ein Capybara oder eben ein Wasserschwein
Endlich (Totenkopf-) Affen :)

Und dort hat sich während unserer Abwesenheit betreffend Corona alles verändert. Beim Gate treffen wir auf eine Wärmebildkamera und draussen dreht sich plötzlich jede Konversation um den Virus. Wir machen uns auf in Richtung Titicacasee, damit wir die Isla del Sol besuchen können und dann pünktlich zur Ankunft von Remo und Elvis, unser angekündigter Besuch aus der Schweiz in Peru, über die Grenze kommen. Durch blühende Quinoa-Felder steuern wir Copacabana an und quartieren uns für eine Nacht in einem Hostel-Garten ein. Plötzlich bricht Hysterie aus, weil die Rezeptionistin meint, dass Peru am nächsten Vormittag die Grenzen schliessen wird. Nach kurzem Hin und Her beschliessen wir die Grenze noch an diesem Tag zu überqueren und nehmen zusätzlich ein Schweizer Paar und eine Österreicherin mit. An der Grenze klappt alles wie immer, bis auf die Einreise von Freddy. Auch nach langem Diskutieren mit den beiden Zollbeamten lassen die uns mit dem vorhandenen Poder (Vollmacht) nicht ins Land. Es fehlt eine Apostille*. Auf unseren Einwand, dass die Grenzen doch am Vormittag schliessen werden, entgegnen die beiden, dass sie davon noch nichts gehört haben. Wir verabschieden uns von unseren Mitfahrern, die in einen Car umsteigen und lassen uns in Bolivien kurz vor endender Öffnungszeit wieder einstempeln.

Copacabana am Titicaca-See
Titicaca-See

Wir versuchen es noch ein zweites Mal, aber kehren danach niedergeschlagen nach La Paz zurück. Am Flughafen erfahren wir, dass die Reise von Remo und Elvis abgesagt wurde. Da der nächste Tag ein Sonntag ist, wollen wir uns mit einer Biketour auf der Death Road ablenken. Die Verbindung in den Amazonas wurde in den 1930 Jahren von Kriegsgefangenen aus Paraguay erbaut. Viele stürzten sich dabei anscheinend freiwillig in den Tod. Daher der Name. Die Strecke führt vorbei an Wasserfällen und einigen Haarnadelkurven. Da wir so beschäftigt sind, die Strasse im Blick zu haben, können wir die Landschaft nur bei den Stopps richtig geniessen. Nach 65 Kilometern down-hill erreichen wir ein kleines Dorf und fühlen uns wieder wie im Dschungel - es ist heiss und feucht. Der Ausflug hat sein Ziel erreicht und wir können unsere Situation kurz vergessen.

The Death Road
Death Road
Death Road

Ohne grosse Hoffnung besuchen wir am Montag wie vom Zollbeamten beschrieben das peruanische Konsulat. Leider bestätigt sich unsere Vorahnung und die Dame schickt uns unverrichteter Dinge zurück, da Peru nur auf peruanische Dokumente eine Apostille ausstellt. Und unser Poder ist aus Uruguay.


Mittlerweile ist in den meisten Ländern Südamerikas der Notstand ausgebrochen und Peru kündigt an, seine Grenzen in 24 Stunden komplett zu schliessen. Da wir wissen, dass Marco in Peru ist und sein Flug bereits gecancelt wurde, wollen wir es noch einmal an einem anderen Grenzposten versuchen. Nach 120 Kilometern wird aber auch dieses letzte Hoffnungsfünkchen im Keim erstickt und wieder geht es für uns zurück nach La Paz. Traurig, dass die Grenzen nach Peru nun mindestens 30 Tage geschlossen sind und wir Marco nicht mehr treffen werden. Nach einer weiteren Nacht am Flughafen erklärt auch Bolivien den Ausnahmezustand und schliesst seine Grenzen, verkürzt die Geschäftsöffnungszeiten, verbietet den öffentlichen Verkehr usw.


Wir sind nun hier am Rande von La Paz auf einem Camping mit extrem netten bolivianischen Besitzern und werden wohl oder übel die nächsten Wochen hier mit französischen und amerikanischen Overlandern abwarten. In dieser Zeit werden wir auch versuchen unser Papierproblem in den Griff zu kriegen. Leider stellt Uruguay Apostillen ausschliesslich in Montevideo aus. Wir sind mit ihnen in Kontakt und sind gespannt, ob wir irgendeine Lösung finden. Auf jeden Fall lass euch aus schmerzender Erfahrung gesagt sein: Kauft nie so naiv und schnell ein Auto wie wir, informiert euch lieber einmal zu viel und vertraut niemanden.


Als Fazit unserer momentanen Situation: Wir fühlen uns hier am Rande von La Paz auf dem Camping von Marcos und seiner Familie sicher. Und nette Gesellschaft haben wir auch: Mit uns sind Annaëlle, Thibault mit ihrer Katze Matcha sowie Hannah und Dylan aus den USA hier. Wir verbringen die Zeit mit Podcast hören, lesen, Netflix schauen, kochen und essen. Nur ein bisschen wärmer dürfte es sein.


* Wer wie wir auch noch nie was davon gehört hat: Eine Apostille ist eine Beglaubigungsform im internationalen Urkundenverkehr und wird durch die beteiligten Länder des Haager Abkommens auf im Inland erstellten öffentlichen Dokumenten mit einem Stempel bestätigt. Jedes Land kann bestimme, welche Stellen solche Apostille ausstellen dürfen.

270 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Heimwärts...