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Heimwärts...

Aktualisiert: 8. Juni 2020

Wir sind seit dem 5. April 2020 zurück in der Schweiz und stellen uns hier auf einen längeren Corona-bedingten Aufenthalt ein. Davon, wie es dazu kam und der lange Weg nach Hause.


Kurz nach dem letzten Beitrag hat die bolivianische Regierung an Lauras Geburtstag entschieden, ihr ein schönes Geschenk zu machen: Gesundheitsnotstand bis Mitte April. Ab dem 26. März 2020 befindet sich das Land im Lock-down (mittlerweile wurde die Massnahme bis Ende April verlängert). Für die Bevölkerung und uns inklusive bedeutete dies vor allem, dass man nur noch einmal wöchentlich raus darf. Die letzte Ziffer der Passnummer entscheidet darüber, an welchem Wochentag einkaufen, die Apotheke oder einen Arzt aufsuchen erlaubt ist.

Dr Damian isch mitem 7i aus letschti Ziffere e Donsti und d'Laura mit em 9i e Friti.

An diesen Tagen darf man zwischen sieben und zwölf Uhr alleine auf der Strasse sein, vorausgesetzt man ist zwischen 18 und 65 Jahre alt. Alle jüngeren und älteren Personen müssen strikt zu Hause bleiben. Bei einem Fehlverhalten kann einem die Polizei oder das aufgebotene Militär acht Stunden ins Gefängnis stecken und eine Busse von bis zu 150 Schweizer Franken verlangen. Dies ist eine immense Summe für viele bolivianische Bürger.


Auf dem Camping Las Lomas ändert dies am Alltag nicht allzu viel. Wir haben Glück und unsere sechs Passnummern decken vier Wochentage ab. Somit werden neu die Einkaufslisten durch die Wünsche der Mitbewohner ergänzt und die 20-Liter-Wassertanks auch von den Ladies in unser Lager geschleppt. Jeden Morgen um 08:30 Uhr findet die Yogastunde statt. Ein Putzplan erinnert jeden einzelnen an seine Aufgaben und Damian wird in die Welt der Herr der Ringe eingeweiht.

Camping Las Lomas

Wir sind weiterhin der Überzeugung, dass wir die Corona-Krise hier abwarten. Wobei immer mehr Reise-Freunde Südamerika in Richtung Europa verlassen. Und am Montag, 30. März ändert es sich dann auch bei uns schlagartig. Das EDA und die Schweizer haben Reisende ja schon länger dazu aufgerufen, zurück zu kehren. Am späten Nachmittag erfahren wir von Annaëlle und Thibault, dass am Donnerstag und Samstag die letzten beiden Repatriierungs-Flüge von Bolivien zurück nach Europa stattfinden. Wir melden uns umgehend bei der Schweizer Botschaft in La Paz. Die meinen, diese Information stimme und sie hätten eine Möglichkeit für uns: Am nächsten Vormittag mit dem Bus 1000 Kilometer von La Paz nach Santa Cruz zu fahren und darauf hoffen, am Donnerstag mit den Deutschen oder am Samstag mit den Franzosen mit zu fliegen.


Eine Stunde haben wir Zeit, eine der schwierigsten Entscheide unseres Lebens zu treffen. Die Gründe, warum wir uns dafür entscheiden sind vor allem die Sicherheit. Nicht nur ist unsicher, wie lange Corona uns weltweit auf Trab (oder eben gerade nicht) hält, in Bolivien kommt erschwerend hinzu, dass niemand abschätzen kann, ob das soziale System einen wochenlangen Lock-down stemmen mag und wie das Gesundheitssystem diesen Virus auffangen kann.


In einer Nacht- und Nebelaktion packen wir also unsere Rucksäcke, verabschieden uns von unseren neuen Freunden und lassen Freddy schweren Herzens aber mit gutem Gewissen bei unserem Host Marcos zurück. Vor dem Camping werden wir von einer Botschaftsmitarbeiterin in Vollmontage abgeholt und dürfen das Auto nach einer Ganzkörperdesinfektion mit Maske und Handschuhen besteigen. In der Botschaft treffen wir auf weitere gestrandete Schweizer und warten darauf, dass der Bus vorfährt, der uns in über 20 Stunden nach Santa Cruz fahren wird.

Letztes Foto vor der Abreise mit Thibault & Annaëlle links sowie Hannah, Dylan & Capo rechts
Einmal komplett desinfiziert sind wir transportfähig

Gespenstisch ist die Fahrt durch La Paz hoch nach El Alto. Die Stadt, welche unter normalen Umständen von Personen und Autos nur so wimmelt, ist leer. Nur vereinzelte Militär- und Polizeikontrollen und die streunenden Hunde-Gangs sind unterwegs. Auch auf der Fahrt ins tropische Santa Cruz fahren wir an verlassen scheinenden Dörfern vorbei und treffen auch auf unglaublich wenig Verkehr.


In Santa Cruz werden wir in einem Fünfsternebunker untergebracht, welcher von der Botschaft organisiert wurde. Für den Luxus ist der Preis im europäischen Vergleich tief, dennoch werden die kommenden Nächte die teuersten unserer ganzen Reise (abgesehen von denen in der Antarktis natürlich). Unter den Schweizern gibt es zwei weitere Paare die mit dem Auto unterwegs waren: Baba, André, Liz und Marcel. Zum letzten Mal teilen wir Routen, Wild Camping Orte und Anekdoten aus Südamerika.


Am Abend kriegen wir von der deutschen Botschaft noch eine Mail, dass wir keinen gesicherten Platz haben, aber am besten am Flughafen vorbeischauen. Es gäbe immer ziemlich viele No-Shows. Da wir eh nichts Besseres zu tun haben, fahren wir mit den anderen Schweizern, welche einen bestätigen Platz haben, an den Flughafen. Nach einer Chlordusche als Desinfektion, findet uns der Schweizer Honorar-Konsul nicht auf seiner Liste und niemand weiss wieso. Wir warten also bis alle eingecheckt sind und hoffen auf einige leere Plätze. Nachdem die ü65, Familien mit Kindern, Personen mit gesundheitlichen Beschwerden auf die letzten Plätze verteilt wurden, bleibt für uns nichts mehr übrig und wir fahren gemeinsam mit vier anderen «unglücklichen» Schweizern zurück ins Hotel.


Abschiedsfoto mit Liz, André, Baba, Yvan (er wird mit uns ins Hotel zurückkehren) & Marcel (v.l.n.r.)

Ein bisschen stutzig macht es uns, dass alle die Schweizer auf dem Flieger sind, die sich direkt mit der deutschen Botschaft in Verbindung gesetzt hatten. Alle, die nur mit den Schweizern kommunizierten, sind zurück im Hotel. Das sind Melanie, Jérémy und Yvan, Backpacker aus Lausanne und Patric aus der Ostschweiz, der Agrarwirtschaft studiert hatte und auf einer Kakaoplantage arbeitete. Wir alle melden uns noch am selben Abend proaktiv bei der französischen Botschaft und erholen uns bei einem feinen Essen und einem Bier vom nervenzehrenden Tag. Am Abend erhalten wir eine E-Mail von der Schweizerischen Botschaft, dass wir alle auf der Liste der Deutschen waren und auch alle bereits auf der Liste der Franzosen seien. Aber die Liste können sie uns noch nicht senden, da sie diese von den Franzosen noch nicht haben... Am nächsten Morgen erhalten wir alle dieselbe Antwort der Franzosen, nämlich dass wir uns bei unserer Botschaft melden müssen. Ok, einen Versuch war es wert.


Und dann kommt wiederum eine Mail unserer Botschaft und einen Teil davon müssen wir hier zitieren damit man es glaubt: «Wir haben vor einer Stunde ein Mail von der Französischen Botschaft erhalten und Sie waren nicht auf der Passagierliste für den morgigen Flug nach Frankreich. Leider hatten sie nur fünf Schweizer eingeplant, die auch nur mitreisen können, weil sie bereits in einem von Frankreich organisierten Bus / Flug (Potosí, Sucre) sitzen. Während der letzten Stunde haben wir alles Mögliche versucht, dass Sie dennoch einen Platz in diesem Flugzeug erhalten, da sie ja schon die ganze Reise von La Paz nach Santa Cruz auf sich genommen haben. Nach langen Diskussionen haben wir es nun der Schweizer Botschafterin in La Paz, Edita Vokral, zu verdanken, dass Sie noch einen Sitzplatz erhalten haben!!! Somit können Sie morgen fliegen!!! Wir freuen uns sehr für Sie!»


Ein bisschen schmunzeln mussten wir alle, aber umso froher waren wir, es nun schwarz auf weiss zu haben. Aber Damian meint

I gloubes ersch, wemer abhäbe.
Letzter Tag am Pool in Santa Cruz

Wir geniessen den Freitag am Pool und packen am Abend zum hoffentlich letzten Mal unsere Rucksäcke. Die Schlange am Flughafen ist wiederum lang, aber diesmal finden wir unsere Namen auf der Liste. Da es sich um einen Repatriierungsflug handelt, zahlen wir ihn nicht im Voraus, sondern unterschreiben lediglich, dass wir die Rechnung, welche bis im Juni zu uns kommt, bezahlen werden. Mit dem unterschriebenen Papier klappt das Einchecken problemlos und alle sechs Schweizer haben ein Ticket. Zudem treffen wir kurz vor der Zollkontrolle wieder auf Annaëlle, Thibault und Matcha welche am Morgen von La Paz nach Santa Cruz geflogen sind.

Ready to go home

Wir besteigen das Flugzeug der portugiesischen Airline Orbest. Es gibt keine Business- oder First-Class, dafür umso mehr und enger bestuhlte Sitzreihen und auch ein On-Board-Entertainment-System suchen wir vergebens. Kurz nach dem Start (jetzt glaubt auch Damian daran, dass es nach Hause geht) meldet sich der Pilot mit den Worten, dass wir ca. 11 Stunden bis nach Paris unterwegs sein werden, es keinen Service geben wird und das Snack-Plättli, der Muffin, das Kit-Kat und die 33 cl Wasser alles sei, was wir bekommen. Mehr Getränke gebe es in grösseren Flaschen am Anfang und Ende des Flugzeugs. Kein Problem. Wir sind froh, hat alles geklappt und lehnen uns die fünf möglichen Zentimeter zurück.

Unser Repatriierungsflug nach Paris
A bientôt! Abschied nach einem langen Flug in Paris

In Paris angekommen sind wir erstaunt über die wenigen Mundschutz-Masken und verabschieden uns von Annaëlle, Thibault, Matcha. Durch den beinahe leeren Flughafen machen wir uns auf zum Gate wo unser Air France-Flieger nach Zürich abheben wird. Wenige Stunden später haben wir nach ziemlich genau sechs Monaten wieder Schweizer Boden unter den Füssen. Wir decken uns im Migros mit einigen wenigen Sachen ein uns treffen beim Umsteigen am Bahnhof in Zürich auf Yvonne und David, welche uns in der Schweiz willkommen heissen. Mit dem Zug geht es vorbei an Zürich- und Zugersee nach Luzern und Stansstad. Patric überlässt uns seine Wohnung als Selbstquarantäne-Ort.

Merci viumau Patric. Mir si dir sehr dankbar.
Eine frühlingshafte Aufmerksamkeit erreichte uns per Post

Nach der ersten Akklimatisierung und Quarantäne sind wir bei Lauras Eltern angekommen. Wir stellen uns auf einen längeren Aufenthalt in der Schweiz ein und organisieren unser Leben neu. In der Zwischenzeit geniessen wir das Zusammensein mit der Familie und das Frühlingswetter im Garten.

O er Elsbeth und em Peter danke mr scho ize derfür, dass si üs eifach so wieder ufgno hei.

Es ist schön nach Hause zu kommen, auch wenn sich unser geliebtes Heimatland in einer speziellen Situation befindet und es nicht geplant war. Komisch ist es jedoch, die Leute nicht umarmen zu können, wenn wir sie wiedersehen. Sind sie es doch, die uns am meisten gefehlt haben in den letzten sechs Monaten.

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