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In Vino Veritas

Aktualisiert: 8. Juni 2020

Mendoza verwöhnt uns mit feinen Weinen, einem Wiedersehen mit Freunden, hohen Passstrassen und dem Blick auf den höchsten Berg dieses Kontinents.

Gegenverkehr der etwas anderen Art

Im nächsten argentinischen Kaff lassen wir den vom Vulkangebiet in Mitleidenschaft gezogenen Pneu flicken. Denn als wir nach neuen Pneus fragen, meint der Verkäufer, warum wir denn neue Pneus wollen, die seien doch noch tiptop. Man muss hier vielleicht erwähnen, dass sie Gebraucht-Pneus inkl. eingefahrenen Nägeln verkaufen.

Weiter fahren wir in Argentinien auf der Ruta 40 nordwärts. Diese ist eine der Hauptverkehrsachsen und meistens sehr gut ausgebaut. Aber auch hier kann es passieren, dass plötzlich ein Stück von 80 Kilometern ungeteert ist und wir für diese Strecke vier Stunden benötigen. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit auf diesen Schotterpisten liegt bei etwa 25 km/h. Die Strecke führt an unzähligen Vulkanen vorbei und in der Ferne Richtung Mendoza zeichnen sich die ersten richtig hohen Berge ab.

Ruta 40-Aussichten
Ungeteerte Ruta 40-Aussichten

Kurz vor Mendoza halten wir in San Carlos, einem Ort im Valle de Uco. Dies gehört bereits zum Weingebiet von Mendoza und es reihen sich Reben an Reben. Wir lassen uns die Chance den hiesigen Wein auszuprobieren nicht entgehen und besuchen das kleine Weingut Wine y Circo. Nach einer spannenden Einführung in den argentinischen Weinbau, dürfen wir diesen auch probieren. Von nicht mal drei Monate altem Malbec bis hin zu richtig gutem Cabernet Sauvignon.

Jungen Wein probieren

Vielleicht liegt es am Wein, dass wir noch einmal eine Chance auf neue Stossdämpfer wittern. Auf jeden Fall ruft der Camping-Inhaber den Mechaniker seines Vertrauens. Dieser begutachtet das Problem und kann sich nicht vorstellen, dass man dafür keinen Ersatz finden kann. Er will sein Glück am kommenden Montag versuchen. Wir können nichts verlieren ausser ein paar Pesos und zwei weitere Tage in San Carlos… Also los. In der Zwischenzeit plantschen wir im Pool, spielen mit unseren Nachbarn Sabine und Michal aus Deutschland Karten und erkunden den Canyon in Huayquerías.

Damian im Canyon von Huayquerías
Huayquerías Canyon

Am Montag Punkt sieben Uhr trifft der alte Mann ein und baut den Stossdämpfer aus. Diesen braucht er ja um ein Ersatzteil zu finden. Aber leider ohne Erfolg. Niedergeschlagen und verständnislos baut er diesen am Abend unverrichteter Dinge wieder ein. Mittlerweile haben wir nach einer Anfrage in einer PanAm-Facebook-Gruppe viele weitere Hinweise und Tipps erhalten und bestellen einen Satz hintere Stossdämpfer aus Deutschland nach Chile. Zeit zum Planen, wo wir die nächsten Wochen in etwa sein werden hatten wir ja genug, aber ob das aufgehen wird?

Der Mechaniker des Vertrauens beim Ausbauen des Stossdämpfers (sein Auto ist mindestens so alt wie er)

Wir steuern Mendoza an, wo wir die Stadt erkunden und einigen Restaurant- und Eisdielen-Tipps nachgehen. Mendoza ist gross, laut und heiss. Am nächsten Tag gibt es ein Wiedersehen mit Sarah und Tom. Gemeinsam erkunden wir Weingüter in Mendoza per Velo. Kaiken, ein wunderschönes Weingut mit einem grünen Garten, ist unser erster Stopp. Hier setzt man ganz auf Feng-Shui und die besten Weine werden während des gesamten Reifungsprozesses durch klassische Musik begleitet. Die Schwingungen und Vibrationen sollen dem Wein das gewisse Etwas geben. Beim Degustieren probieren wir uns vom Prosecco über leichte Weiss- und Roséweine hin zu Rotweinen der Region. Die leichten Weine, die man gut ohne Begleitung eines Essens trinken kann, werden hier «Pileteras» genannt – Schwimmbad-Weine.

Weingut Kaiken (Foto: Tom Elliott)

Beim nächsten Weingut Viamonte gönnen wir uns ein Mittagsmenu, natürlich mit Weinbegleitung. Das zarte Steak ganz in argentinischem Stil schmeckt auch den beiden Vegetariern gut. Gesättigt führt uns der Weg zu Carmelo Patti. Ein Winzer-Original, der schon einige Preise für seinen Cabernet Sauvignon gewonnen hat und allen Besuchern persönlich eine Auswahl seiner Weine zum Probieren gibt. Auch bei uns zeigt er, wie man eine Flasche mit guten alten Wein mit dem Feuerzeug richtig öffnet. Gemäss den neueren und alten Zeitungsausschnitten, die er schön sortiert in seinem Keller präsentiert, gehört diese Zugabe zu seinem Standardrepertoire. Wir geniessen auf jeden Fall die spezielle Führung in der Kellerei, die sehr industriell daherkommt und im Gegensatz zu den bisher gesehenen völlig am Boden geblieben zu sein scheint. Den Abschluss macht ein kurzer Abstecher bei Pulmary, welches Sarah und Tom bereits am Vortag besucht hatten. Der Grund ist der hauseigene Bio-Rotwein, welchen man kühl mit optimalerweise 14 Grad geniesst.

Steak, Wine & Friends

Sarah und Tom wollen wie wir über den Paso Sistema Cristo Redentor zurück nach Chile. So nehmen wir die über 2'300 Höhenmeter zu viert in Angriff. Die Strasse führt uns an der Puente del Inca vorbei – eine durch Erosion natürlich geformter Felsbogen. Der Name kommt davon, dass man glaubt, die Inkas seien ihrerzeit bis dorthin gekommen. Einige Kilometer westlicher haben wir zum ersten Mal den Blick frei in Richtung Aconcagua, dem höchsten Berg ausserhalb des Himalaja-Gebirges und einem der Seven Summits. Eindrücklich diese Grösse und natürlich wollen wir diesen Berg von noch etwas näher sehen und bezahlen den Eintritt in den gleichnamigen Nationalpark. Vom Mirador windet es uns beinahe runter, aber der freie Blick auf dieses Naturwunder macht alles Wett.

Puente del Inca
Windiges Aconcagua-Foto
Aussicht auf die gegenüberliegende Seite beim Mirador Aconcagua

Wieder einige Kilometer weiter westlich passieren wir die Grenze nach Chile in einem Tunnel. Das nigelnagelneue Gebäude für die Formalitäten des Grenzübertritts fühlt sich an wie ein Flughafenterminal und wir stellen uns mit dem Auto vor den Beamtenhäuschen an. Leider scheint dieser Posten noch nicht sehr eingespielt zu sein. Zuerst treffen wir nur auf chilenische Beamte, die uns die falschen Papiere zum Ausfüllen geben. Nach dem wir dann doch noch die richtigen ausfüllen, fragen wir, wo wir denn den Ausreisestempel aus Argentinien erhalten. Verwirrung pur und niemand versteht genau, nach was wir fragen. Wir gehen davon aus, dass wir die argentinische Migration beim Vorbeifahren nicht gesehen haben und wieder durch den Tunnel zurückfahren müssen. Als wir wissen wollen, wo wir den Van umdrehen dürfen, bringt uns eine chilenische Beamtin aber dann zu einem argentinischen Kollegen. Dieser erklärt uns, dass das hier ein gemeinsamer Grenzposten sei und wir keinen Ausreisestempel benötigen. Nach 90 Minuten haben wir unsere Einreise-Zettel und das «Temporary Import Permit» (TIP) für den Van von Chile in der Hand, aber eben weder Ausreise- noch Einreisestempel im Pass. Wir vier sind bereits jetzt neugierig, ob die Beamten beim nächsten Grenzübertritt auch schon von diesem gemeinsamen Grenzposten gehört haben.

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