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Zentrales Chile

Aktualisiert: 8. Juni 2020

Freddy, unser Van, zwingt uns in die Hauptstadt Chiles. Aber keine Spur von Reue, uns gefällt die Stadt unerwartet gut. Auch die nahegelegene Küstenstadt Valparaíso überzeugt mit ihren farbigen Wänden und steilen Gassen.


Nach einer Wildcamping Nacht unterhalb des Passes hört sich Freddy etwas komisch an und wir steuern anstelle der Küste Chiles eine Werkstatt an. Die vier Jungs in Trainerhosen sehen bei der «Diagnostico» dann irgendwann Metallsplitter beim vorderen Stossdämpfer (whaaat!?). Uns ist das Ganze ein wenig zu vage um ein Wochenende in Los Andes zu verbringen (weil ja, es ist wieder einmal Freitag). Und die Chance, dass sie am Montag mit dem bestellten Ersatzteil feststellen, dass doch noch mehr kaputt ist, ist uns zu gross. Sie versichern uns, dass wir mit maximal 80 h/km auf der Autobahn gut bis nach Santiago fahren können.


Sarah und Tom entscheiden sich spontan mit uns nach Santiago zu fahren. Die erste VW-Garage meint als erstes, warum wir denn an einem Freitag kommen würden. Am Samstag arbeite ja niemand. Wir schauen uns an und schütteln den Kopf. Leider haben sie die Teile sowieso nicht an Lager und müssten alles importieren. Niedergeschlagen fahren wir ins Hostal. Am Abend heitern uns die beiden Engländer im schönen Barrio Italia bei einigen Bier und Pizza sowie einer Partie UNO wieder auf.


Santiago de Chile präsentiert sich uns zwar durch die seit Oktober andauernden Proteste mit einigen Schönheitsfehlern, wodurch ihrer Attraktivität in unseren Augen jedoch nicht abnimmt. Auf einer Walking Tour erzählt uns der Guide viel über die Geschichte sowie die aktuellen Geschehnisse. Aus den europäischen Berichterstattungen hatten auf jeden Fall wir das Gefühl, das Ganze sei aufgrund

gesteigerter Metro-Fahrten eskaliert. Das stimmt zwar, ist aber eben nur die halbe Geschichte*.

Damian auf dem Plaza de Armas
Zelte & Graffitis findet man überall in der Stadt
Zerstörte Metrostation & Strassenverkäufer vor dem Centro Gabriela Mistral

Nach der Walking Tour meinen Sarah und Tom, es gäbe da ein gratis Ballett im Viertel unseres Hostals. Die Tickets konnten sich die Einwohner in der Vorwoche in einem Büro abholen, das leider an diesem Sonntag geschlossen ist. Wir entscheiden uns es ohne Tickets zu versuchen und fragen am Eingang, ob sie noch Platz haben. Der junge Mann meint, wir sollen einen Moment warten und es dauert keine zwei Minuten und eine Frau mit zwei kleinen Kindern bietet uns drei Tickets an, die sie nicht benötigt. Und auch die vierte Eintrittskarte lässt sich ohne Problem auftreiben. So kommen wir inmitten von Santiago in den Genuss des Stücks «El pájaro de fuego».

Open Air Ballett

Am Montag verabschieden wir uns von den beiden und machen uns auf zu den VW-Garagen Nummer zwei und drei. In der dritten können sie unser Auto bereits am nächsten Tag genauer betrachten und auch die Teile sind bei ihnen alle an Lager. Wir sind erleichtert und warten die genaue Diagnose ab. Unterdessen erreicht uns die Nachricht von Dave, einem Kollegen aus der Schweiz: Er und sein Bruder sind auch in Santiago. Wir brunchen gemeinsam mit ihnen und einem weiteren Schweizer

Paar und spazieren durch die Innenstadt als die Nachricht eintrifft was dem Freddy fehlt: Der linke Stossdämpfer muss komplett ersetzt werden. Wir geben ein wenig zähneknirschend die horrende Offerte frei und entscheiden uns am nächsten Tag mit dem öffentlichen Bus nach Valparaíso zu fahren.


Die Hafenstadt verlor durch den Bau des Panamakanals an Wichtigkeit und hat sich seither zur Kulturhauptstadt Chiles gemausert. Sie ist bekannt für ihre vielen farbigen Graffitis, die 42 Hügel auf denen sie erbaut ist sowie die zahlreichen «Ascensores» (Funiculaires). Als der Hostalbesitzer uns die Sehenswürdigkeiten seiner Stadt auf einer Karte aufzeigt, meint er, dass es vor allem auch zum Charme von Valparaíso gehöre, nichts zu machen. Und so geniessen wir die beiden Tage bei einer weiteren Walking Tour, beim Fischessen und Pisco Sour trinken.

Im Hafen von Valparaíso
Einer der vielen Ascensores
Piano Stairs
Im ehemaligen Gefängnisgarten
Street Art
Treppe mit Songtext

Zurück in Santiago holen wir unseren Freddy ab. Und kurz darauf stossen etwas ausserhalb der Stadtmitte Rahel und Markus dazu. Zu viert fahren wir dann doch noch an die Küste Chiles.


* Die Metro-Fahrten wurden erhöht und zwar zum dritten Mal innerhalb von eineinhalb Jahren. Als Hintergrund muss man zudem wissen, dass die Lebenshaltungskosten aus unserer Sicht auf deutschem Niveau sind, der Durchschnittslohn eines Chilenen liegt jedoch bei weniger als 500 Euro. Ein weiterer Dorn im Auge der Chilenen ist das schlechte Altersvorsorgesystem und die Schulbildung, welche teuer ist und wodurch viele Teenager bereits mit einem hohen Schuldenberg ins Erwachsenenleben starten.


Die erneute Erhöhung der Metro-Preise verärgerte insbesondere die High-School-Schüler, weswegen sie als Protest die Drehkreuze zu überspringen begannen. Irgendwann trafen sie dann Polizisten in den Metro-Stationen an, die sie dazu zwingen wollten, die Fahrten wieder zu bezahlen. Da kam es zu den ersten handgreiflichen Auseinandersetzungen. Am Nachmittag fanden als Reaktion die ersten Proteste statt. Die Stadtregierung hat darauf den Ausnahmezustand ausgerufen und alle Metrolinien eingestellt. Dies führte gemäss den Erzählungen des Guides zu Szenen wie in einer Zombiestadt. Es sei heiss gewesen an diesem Freitagnachmittag und die Busse konnten nicht alle gestrandeten Arbeitenden nach Hause befördern, wodurch vielen nichts anderes übrigblieb, als zu Fuss zu gehen. Als Reaktionen darauf seien von den Protestierenden erst dann die ersten Metro- und Busstationen niedergebrannt worden. Am Samstag wurde dann auch das Bussystem von der Regierung stillgelegt, was den Unruhen jedoch nicht das Feuer aus den Segeln zu nehmen vermochte (hier einige Impressionen).


Als wir in Santiago sind, sehen wir die Proteste und die Forderung der Menschen vor allem in den niedergebrannten Metro-Stationen, zerstörten Bus-Stationen, ausgebrannten Kirchen, unzähligen Graffitis (sehr beliebt ist dabei ACAB und zerstörten Denkmälern und Plätzen. Dies konzentriert sich jedoch auf die Stadtmitte um den Plaza Italia, der von den Demonstrierenden vor Kurzem in Plaza de la Dignidad umbenannt wurde. Zudem gibt es unzählige Arten, wie sich Chilenen, die nicht selber mit demonstrieren, den Demonstrierenden ihre Wertschätzung zeigen. So tragen viele Hunde ein rotes Tuch um den Hals in Erinnerung an den Matapaco oder die Autofahrer hupen eine bestimmte Melodie wenn sie an Protestierenden vorbeifahren.


Man geht davon aus, dass die Proteste im März, wenn die Studierenden aus den Sommerferien zurückkommen, noch einmal auflodern werden. Erreicht haben die Proteste auf jeden Fall bereits, dass die Regierung einer Abstimmung über die Ausarbeitung einer neuen Verfassung zugestimmt hat. Aber viele, auch unser Guide glaubt nicht daran, dass diese im Sinne der meisten Chilenen ausgearbeitet wird. Wir werden die Situation auf jeden Fall gespannt weiterverfolgen.

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